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Online-Recht: Rechtsprobleme kommerzieller Websites deutscher Unternehmen
Kapitel 1 - Cyberspace als öffentlicher Raum?

Kapitelübersicht


1.1 Entwicklung und Begriff.

Einleitend sind die Besonderheiten des "Cyberspace" zu verdeutlichen, da sie spezifische Anforderungen an die rechtliche Bewertung, aber auch an die Handhabung diverser rechtlicher Instrumente stellen. Der Begriff selber entstammt dem Roman "Newromancer" von William Gibson und bezeichnet eine virtuelle Welt (genannt: Matrix), die durch unmittelbaren Anschluß des menschlichen Bewußtseins an einen Computer betreten wird und keine Entsprechung in der realen Welt hat. Obschon heute Maus, Tastatur und Bildschirm noch zwischen virtueller und realer Welt liegen, erscheint die durch weltweite Computervernetzung entstandene virtuelle Welt zunehmend als eigenständige Dimension und ist insofern Gibsonīs Cyberspace ähnlich.

Der Begriff "Internet" bezeichnet zunächst nur die Tatsache, daß vernetzte Computer weltweit über ein gemeinsames Protokoll (TCP/IP ) Daten austauschen können. Der häufig verwendete Begriff "Online-Kommunikation" impliziert eine Priorisierung der Datenleitungen und hat dazu geführt, daß umgangssprachlich heute auch das Leitungsnetz als Internet bezeichnet wird; dieses besteht in den meisten der beteiligten Staaten aus Hochgeschwindigkeitsverbindungen als "Rückgrat" (Backbone), die für einen hohen Datendurchsatz in nationalen, kontinentalen und transkontinentalen Leitungen sorgen. An diese Backbones sind weitere Netzwerke unterschiedlicher Größenordnungen angeschlossen, deren Nutzer über spezifische Netzwerkverbindungen, sehr häufig aber über analoge oder digitale Telefonverbindungen aufgeschaltet werden. Aus Struktur leitet sich die Bezeichnung als "Netz der Netzwerke" für das Internet ab.

Die dem Internet zugrundeliegende Idee stammt von RAND, einer Ideenschmiede für Szenarien thermo-nuklearer Kriege, aus dem Entwurf eines Kommunikationssystems, welches nukleare Schläge überstehen kann, da es einerseits dezentral organisiert ist und andererseits die Datenpakete nicht als Ganzes verschickt werden. Diese Vorgaben wurden beim Internet durch das Verfahren des "package switching" erreicht, bei dem jede elektronische Botschaft in individuell gekennzeichnete Teile zerlegt wird, die separat auf dem jeweils schnellsten Weg im Internet von Computer zu Computer weitergereicht werden, um anhand der Individualisierung beim Empfänger automatisch wieder rekonstruiert zu werden. Der Weg, den ein Päckchen nimmt, ist dabei unerheblich; fehlt eines, fordert die entsprechende Software auf dem empfangenden Rechner dieses Teilpaket vom Versender nochmals an.

Die durch Dezentralisierung erreichte Robustheit des Systems bedeutet das Fehlen einer organisierenden Zentrale, somit auch einer ordnenden Kontrollinstanz. Die Irrelevanz geographischer Grenzen wird deutlich an der Wirkungslosigkeit staatlicher Zensurversuche beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tianamen) in Peking oder im Golfkrieg.

Kommunikation, Information, Multimedialität und Interaktivität stellen in dieser Kombination einen öffentlichen Raum neuen Typs her, in dessen Qualität erhebliche Unterschiede zu anderen Medien liegen. Visionäre sehen für die Zukunft interaktives Fernsehen, Electronic Commerce mit Bestellung und Bezahlung sowie die Teilnahme an Parlamentswahlen als alltägliche Vorgänge in jedem Haushalt. Es ist zu früh, um solche Entwicklungen zu kommentieren; glaubwürdig erscheint derzeit jedoch die These, daß es durch die Medienintegration zu einem Zusammenwachsen von Rundfunk, Fernsehen, Telekommunikation und Computernetzwerken kommt, die letztlich sämtlich ihre Inhalte in Form von digitalen Daten bereitstellen. Zudem mehren sich die Angebote von IBM und anderen Anbietern, komplette Hausverwaltungen über eine TCP/IP-Verbindung fernzusteuern.

Die umgangssprachlich zunehmend synonyme Verwendung der Begriffe Online-Dienst, World Wide Web (WWW, kurz Web), Internet, E-Mail und Cyberspace täuscht über die grundlegenden Unterschiede hinweg und verwischt zudem die notwendige Abgrenzung, was in welchem Dienst getan werden kann. Online-Dienste sind Unternehmen, die neben dem Internet-Zugang (als Access-Provider) für eine geschlossene Kundengruppe auch aufbereitete Inhalte (als Content-Provider) bereitstellen. Die zentralisierte Struktur ermöglicht kundengruppenspezifische Inhaltsangebote, aber auch eine ordnende Kontrollinstanz. Teilnehmer von Online-Diensten wie weltweit AOL (America Online), CompuServe, national T-Online (Telekom) oder regional CityWeb (WAZ und Spiegel) können über eine "Schleuse" (Gateway) auf das Internet zugreifen, während Internet-Benutzern der Zugriff auf die Online-Dienste-Inhalte verwehrt ist - schließlich wollen die Mehrwert-Dienste den Mehrwert auch bezahlt bekommen. Während inzwischen alle namhaften Online-Dienste elektronische Post (E-Mail) und Internet-Zugriff anbieten, unterscheiden sie sich durch das diensteinterne Zusatzangebot; so richtet sich AOL vorwiegend an Familien und Freizeitinteressierte und CompuServe an Unternehmen, T-Online bietet Online-Banking auf Basis eigener, vom Internet verschiedener Protokolle an.

World Wide Web und E-Mail sind Dienste des Internet. Der Begriff "Dienste" wird deutlich an den Beispielen ISDN (Telefonie, Telefax, Teletext u.a.) und Deutsche Post AG (Briefpost, Paketpost u.a.). Es gibt eine Reihe weiterer Internetdienste wie FTP, Wais oder IRC , die jedoch für die Betrachtung des hier zu behandelnden Themas von nachrangiger Bedeutung sind.

Das World Wide Web stellt die im Internet verfügbaren Inhalte diverser Formate (Texte, Grafiken, Datenbanken usw.) miteinander verknüpft unter einer gemeinsamen Oberfläche dar. Interaktivität, Multimedialität und Benutzerfreundlichkeit haben seit 1993 den weltweiten Boom des bereits 1968 entwickelten Internet ausgelöst. Die Besonderheit der Informationspräsentation im WWW beruht auf der Verknüpfung von Dokumenten durch Hyperlinks, deren Anklicken mit der Maus das verknüpfte Dokument auf den lokalen Rechner lädt und im Browser anzeigt (vgl. Abschnitt 3.2). Die Homepage bezeichnet dabei die Einstiegsseite, von der Hyperlinks zu den anderen Seiten innerhalb einer Website leiten; die Homepage ist vergleichbar der Titelseite eines Buches, die Website mit dem gesamten Buch und die Webseiten mit den einzelnen Blättern, die der Titelseite folgen - allerdings im Gegensatz zum realen Buch mit Hyperlinks untereinander verknüpft; ein sequentielles Vorgehen wie bei einem Buch (Seite für Seite) erfolgt somit bei einer Website nicht zwingend.

Kommerziell (im Gegensatz zu privat) ist eine Webseite, wenn sie mit einem (weitgefaßten) wirtschaftlichen Hintergrund im Web publiziert wird; dazu reicht bereits die Tatsache, daß sie von einem Unternehmen oder auch einem Freiberufler zur Darstellung der eigenen Qualifikation dient.

E-Mail bezeichnet als inzwischen allgemein akzeptierter Begriff die elektronische Post durch Austausch von Texten (mit ggf. multimedialen Erweiterungen) zwischen Individuen, bei der analog zur realen Briefpost Nachrichten an einen Empfänger geschickt werden, der durch eine typische E-Mail-Adresse individualisiert ist.

Häufig wird in den Medien über die mangelnde Sicherheit von E-Mails berichtet, die ohne Einsatz kryptographischer Methoden lesbar sind wie eine reale Postkarte. Allerdings wird die Gefahr aufgrund qualitativer wie quantitativer Fehleinschätzungen zumeist stark überzeichnet; angesichts von Hunderten von Milliarden E-Mails weltweit pro Jahr bestehen effizientere Möglichkeiten, an relevante Informationen zu gelangen, als die eine gewünschte Mail zu erfassen und (unberechtigt) zu lesen.


1.2 Cyberspace - Systembedingte Rechtsprobleme


© 1998-2002 Ulrich Werner